Lokale Blogs und die Ohnmacht der Zeitungen

Naja, der Titel soll den Leser auf den Artikel führen – diese alte Weisheit wollte ich mal wieder rauskramen und verwenden. Hintergrund ist eine Diskussion, die ich gestern in Hamburg mit den Mitarbeitern eines Portalbetreibers hatte. Da kamen wir mal wieder auf die beliebte Relevanzfrage, was das Bloggen angeht. Und irgendwie ging es dann auch um Lokalbezug: Das kann ja eine Domäne der Blogger werden, die eben einfach schreiben, was in ihrem Stadtteil geschieht. Und prompt flattert mir das Blog von Marion rein, junge Journalistin, die über Weidenpesch bloggt – ein Blog aus Köln. Andere berichten aus Köln-Sülz.

Der geneigte Lokalredakteur mag jetzt schreien, das sei ja nur Tratsch und Klatsch (übrigens etwas, was viel zu kurz kommt im Lokalen). Das mag auch so sein, nur a) ist das Leben eben so, und b) heißt das nicht, das nicht ein anderer – vielleicht politischer – Blogger, dann auch noch die Ratsversammlung zusammenfasst. Und ein Fußballfreund die Sportergebnisse. Das sind alles “Experten” auf ihrem Gebiet, und vernetzt man sie, hat man wunderbaren lokalen Content.

4 thoughts

  1. Viele haben sich bereits für ihren regionalen oder Sparten-Bereich bestimmte Blogs als festen Bestandteil der lokalen oder fachlichen Informationsversorgung herausgepickt, das sehe ich auch so. Und hier liegt noch enormes Potential in der Blogosphäre.

    Und was die Zeitungen anbelangt, habe ich gerade eben ein treffliches Beispiel für Online-Inkompetenz (ausgerechnet in der Berichterstattung über ein Blog) vorgestellt: Online-Inkompetenz des Main-Rheiner.

  2. das sei ja nur Tratsch und Klatsch

    So einer Aussage liegt die imho irrige Ansicht zugrunde, in den Stadtteilen respektive auf lokaler Ebene passiere nichts berichtenswertes oder irgendwie wichtiges. Hierbei wird vergessen, daß die eigentlichen Akteure, die so ein Stadtleben ausmachen genau dort wohnen und agieren. Im so benannten Zentrum, das es imho wirklich eh nur in Kleinstädten gibt, laufen gerade mal ein paar Ausstellungen, ein Konzert von vermeintlich größerer Relevanz, gleichwohl die Akteure dort ebenfalls in den Stadtteilen wohnen und dort veedelsnah durchaus auch ihre Konzerte geben und dann gehen da noch die Touristen den Dom gucken und einkaufen.

    Eigentlich ist es doch eher so, daß die Lokalredaktionen der großen Tageszeitungen in den Städten es sich vielmehr gar nicht leisten können täglich über die Geschehnisse in all den Stadtteilen zu berichten. So viel Personal kann man nicht bezahlen und so dicke Zeitungen preislich nicht unter die Leute bringen.

    Und so steigt die Bloggerzene in diese Nische ein und der ein oder andere Profi mischt zuweilen dort auch mit.

  3. Darüber hinaus machte ich die Beobachtung, daß unsere Lokalzeitung bestimmte Berichte aus unserem Stadtteil einfach Köln zuordnet. Also geht es z.B. um einen spektakulären Mord, wie kürzlich hier mit Kettensäge gar passiert, so ist das Sülz, feiert hingegen Transfair sein 15-jähriges Bestehen und verdoppelt und verdreifacht seinen Umsatz, so ist das Köln und steht gar im Wirtschaftsteil.

    Wer also selbst uninformiert die Berichte liest, meint zwar, daß in den Stadtteilen nur Klatsch und Tratsch die Themen sind, doch in Wahrheit ordnen die Lokalzeitungen das entsprechend einfach fälschlich zu.

    Uni? Ist Köln, auch wenn sie in Lindenthal und Sülz liegt und so hält der Herr Nobelpreisträger John F. Nash also einen Vortrag an der Kölner Uni, statt in Lindenthal. Das spektakuläre Urteil am Landgericht Köln wird in Sülz gefällt. Der Kölner Zoo und das Elefantenbaby gehört zu Riehl. Das vermeintliche und ehemalige Zentrum ist eigentlich recht langweilig und in der historischen Altstadt tummeln sich die Touristen bloß.

    Oder anders: Unsere Lokalzeitungen provinzen die Stadtteile ein, während es hierzulande durchaus Leute gibt, die gar nicht wissen, daß Hollywood oder Santa Monica Stadtteile von L.A. sind. Und teilweise geschieht das gar aus Unkenntnis der schreibenden Journalisten über die Stadtteile, was an ziemlich häufigen falschen stadtteilmäßigen Zuordnungen des als Tratsch klassifizierten deutlich wird. Die haben nur im Kopf: große Sache – Stadt, kleine Sache – Stadtteil oder schlimmer noch Vorort.

    Und das prolongiert sich gar auf die Leser mit dem Ergebnis, daß so eine Stadtteilbloggerin zur Verblüffung aller jede Menge entdecken und berichten kann mit dem Effekt, daß gar alteingesessene plötzlich eine ganz andere Sicht auf ihren Stadtteil bekommen.

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